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Fein gedacht-Interview: Ein Sketchnote-Interview mit Tanja Scherm aka Frau Hölle

9. April 2014

Blogst-Veranstaltungen wie das Barcamp in Köln haben drei Süchtigmach-Effekte: Blogst-Luft schnuppern macht glücklich, man trifft die Blogger-Kolleginnen auch mal in 1.0 und jedes Mal wieder neue, spannende, kreative Menschen mit viel Talent und tollen Projekten.

Tanja Scherm aka Frau Hölle ist so ein spannender und kreativer Mensch. Als sie auf ihrer Barcamp-Session mit leichten, lockeren Strichen anfängt, Sketchnotes zu zeichnen, und behauptet, selbst der zeichnerisch Untalentierteste (also ich ;-)) könnte das auch und es fördere die Kreativität und die Konzentration, da hatte sie mich schon.

Portrait Tanja Scherm

Logisch, dass ich unbedingt wissen wollte, wie sie denn zum „sketchnoten“ kam, wie das jeder lernen und wo man es überall einsetzen kann.

Die Antworten gibt sie im „Fein gedacht“-Interview – und natürlich auch mit einer Sketchnote.

1. Hinter jedem Projekt steht ein fein gedachtes Konzept. Manchmal aber ist es auch nur ein feiner Zufall, der zum Erfolg führt. Wie war es bei dir und den Sketchnotes, Tanja: Fein gedacht oder vom Zufall gebracht?

Tanja Scherm: „„Rein zufällig“ kam ich mit Sketchnotes zum ersten Mal auf der re:publica 2010 in Berlin in Berührung. Damals visualisierte die Graphic Recorderin Anna-Lena Schiller sämtliche Vorträge live auf der Bühne an einer übergrößen Metaplanwand. Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als ich im Friedrichstadtpalast inmitten von 2700 Internet-Geeks saß und diese zierliche Frau am rechten Rand der Bühne beobachtete. Ihre Art der visuellen Dokumentation hat mich wahnsinnig beeindruckt und war in Deutschland damals auch noch komplett neu.

Danach habe ich noch auf etlichen weiteren Konferenzen Vorträge und Workshops zum Thema Sketchnotes gehört und war fortan auch selbst begeistert bei der Sache. Doch wie es so oft ist: erstmal nur privat für mich ganz alleine. Angesichts der vielen großen internationalen Sketchnote-Künstler wurde ich mir meines Talents noch nicht wirklich bewusst und übte lieber heimlich, still und leise. Nach drei Jahren dann veröffentlichte ich im Oktober 2013 auf Twitter und Flickr meine erste Sketchnote vom BarCamp Düsseldorf. Einen Monat später fand die BLOGST Konferenz in Essen statt, auf der ich auch wieder vier Vorträge mit“sketchte“ und bei meinen Sitznachbarinnen für großes Erstaunen und Interesse sorgte. All das positive Feedback hat mich schließlich dazu motiviert, selbst Workshops zu geben und den großen Spaß am „Visual Note Taking“ weiter zu verbreiten. Es ist immer wieder ein tolles Gefühl, bei den Übungen verzückte Ah’s und Oh’s der Teilnehmer zu hören und ich gehe jedes Mal mit einem breiten Lächeln aus den Workshops heraus. Sketchnoten ist meine Leidenschaft und ich sehe es als meine Bestimmung, diese mit Anderen zu teilen.“

Oder – als Sketchnote ausgedrückt:

Sketchnote Wieallesbegann Frau Hölle

2. Du machst zeichnerisch völlig Untalentierten wie mir Mut und sagst: Sketchnotes machen kann jeder. Was braucht man dazu?

Tanja Scherm: „Sketchnotes machen ist ein bisschen wie Meditation: Man kann es an jedem Ort der Welt durchführen, man muss sich nur darauf einlassen. Und nebenbei gesagt: Beides kann (richtig angewendet) zu einer entspannten inneren Haltung führen!

Die „originalen“ Sketchnotes entstehen mit Stift und Papier und das ist auch immer noch meine Empfehlung, vor allem für Einsteiger. Man kann dafür nahezu jedes Trägermaterial verwenden: von Klopapier, Servietten und Post-It´s bis hin zu Notizbüchern und Zeichenblöcken. Auch jedes Schreibutensil kann zum sketchnoten dienen, besonders geeignet sind allerdings schwarze, wischfeste Fineliner mit einer 0,3 – 0,5mm dicken Spitze. Diese eignen sich hervorragend für die Konturlinien, die später mit grauen Schattenlinien oder farbigen Highlights gefüllt werden können.

Digitale Sketchnotes erfordern ein bisschen mehr Übung und Geschick. Mit einem Tablet und dem passenden Touch Pen kann man weniger umfangreiche Sketchnotes schnell erstellen, die natürlich gleich bequem zu speichern und sharen sind. Allerdings darf die Hand nicht auf dem Touch Screen abgelegt werden (außer bei Bluetooth Touch Pens), was das Ziehen von geraden Linien nicht ganz so einfach macht. Der große Vorteil sind jedoch der Radierer bzw. die Rückgängig-Funktion, die Ebenen und die digitale Weiterbearbeitungsmöglichkeit. Ich werde immer ein analoger Sketchnoter bleiben, weil ich das Gefühl von gutem Papier mit den Effekten von Farbe und Tinte einfach zu sehr liebe.“

3. Wofür kann man Sketchnotes nutzen, und nutzen Sketchnotes etwas?

Tanja Scherm: „Sketchnotes nutzen nicht nur jedem etwas, sondern sie sind außerordentlich mächtig! Durch den Erstellungsprozess von Sketchnotes (Sehen + Hören > Verarbeiten > Wiedergeben) üben wir aktives Zuhören, kreatives Denken und die Abstraktion von Informationen. Die Sketchnote-Methode ist also auch eine Art Gedächtnistraining bzw. Konzentrationsübung. Die Inhalte, die wir mit visuellen Notizen festhalten, bleiben zudem wesentlich länger in Erinnerung als reine Texte, da sie drei Sinneswahrnehmungen durchlaufen haben. Es ist ein bisschen so wie damals in der Schule, als wir den Zellkern oder die Gesteinsschichten brav in unser Schulheft gezeichnet haben. Diese Informationen waren wesentlich schneller abrufbar als chemische Tabellen.

Im Alltag lassen sich Sketchnotes zur Übung z.B. auf Post-It’s (anstelle des eigentlichen Wortes), als Einkaufszettel, Reise-Tagebuch oder To-Do-Liste erstellen. So trainiert man sein visuelles Vokabular, bis es dann beim nächsten Vortrag als Bild-Protokoll eingesetzt werden kann. Auch im Beruf dient die Methode dem gemeinsamen Verständnis von Projekt-Ideen auf Whiteboards oder Problemlösungen. Und sogar die ganz Kleinen können in ihrer visuellen Sprache bewusst geschult werden, um sich für die späteren Unterrichststunden eine effiziente Informationsverarbeitung anzueignen.“

Vielen Dank für das Interview, Tanja! Und vielen Dank an Mona vom „180°SALON„, die mir das schöne Foto von Tanja zur Verfügung gestellt hat!

Mehr von Frau Hölle im Netz: Facebook, Flickr, Instagram, Twitter

Die nächsten Workshop-Termine von Frau Hölle findet ihr hier.

Tanjas Buchempfehlungen zum Thema „Sketchnotes“:

Das Sketchnote Handbuch (M. Rohde)

Visuelle Meetings (D. Sibbet)

The Doodle Revolution (S. Brown)

Auf der Serviette erklärt (D. Roam)

Ideen visualisieren (G. Krisztian)

 

 

 

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